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Alida Bremer

Für das ehrenamtliche Engagement bei der Betreuung von Kriegsflüchtlingen aus Bosnien und Herzegowina ist sie mit der Ehrennadel der Stadt Münster ausgezeichnet worden, ihre Doktorarbeit hat sie über postmoderne Kriminalromane geschrieben, seit Jahren kuratiert sie für die Leipziger Buchmesse den „Focus Südosteuropa“, jetzt hat sie nach Dutzenden von literarischen Übersetzungen ihren ersten Roman vorgelegt. Am 10. Dezember wird die 1959 in Split geborene, seit 1987 in Münster lebende Alida Bremer um 20 Uhr im Lesesaal der Stadtbücherei aus „Olivas Garten“ lesen; es ist eine Veranstaltung, die von der Robert-Bosch-Stiftung unterstützt wird.

Die Ich-Erzählerin – wie die Autorin heißt sie Alida und lebt ebenfalls seit langem in Deutschland – erfährt eines Tages, sie habe von ihrer Großmutter an der östlichen Adriaküste einen Olivenhain geerbt. Sie ahnt, was auf sie zukommen wird: eine zähe und zehrende Auseinandersetzung mit der kroatischen Bürokratie. Aber sie wird unterstützt von ihrem logistisch unerschütterlichen norddeutschen Ehemann. Die so vertrackten wie verheißungsvollen „Erbschaftsangelegenheiten“ führen sie heim in die Sehnsuchtslandschaft ihrer Kindheit und Jugend. Was ihr dabei bewusst wird, lässt sich mit dem Satz von William Faulkner beschreiben, den Christa Wolf ihrem Roman „Kindheitsmuster“ (1976) vorangestellt hat: "Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ Auch „Alida“ taucht ein in die Tiefe der Jahre und wird gewahr, wie die Geschichte ihrer Herkunftsfamilie durchsichtig wird für das Jahrhundert der Wölfe. Dem Roman ist ein „erzählendes“ Personenverzeichnis vorangesetzt, und in dem knappen Biogramm der Titelfigur ist der Plot bereits angedeutet: „Nachdem sie 1943 aus einem deutschen Lager zu Fuß nach Hause zurückgekommen ist, liegt sie nur noch auf der Ottomane und ist 1991 – als ein neuer Krieg ausbricht – verwirrt, da sie glaubt, in die Vergangenheit versetzt worden zu sein.“ Aber nicht nur, dass sie nicht von der Stelle rührt – sie hat auch ihre Sprache verloren. Es ist ein Phantasiegarten, in den sich die Traumatisierte hineinträumt. Über die Ururgroßmutter der Erzählerin reicht der Roman bis ins vorletzte Jahrhundert zurück, und mit Olivas Mutter – Paulina – ist der Roman auch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verbunden. Alida Bremers Roman aber ist mehr als die familiengeschichtlich motivierte Besichtigung eines Zeitalters; unaufdringlich reflektiert er auch grundsätzlich das Verhältnis von Moral und Politik. Das wird bereits in dem Motto deutlich, das dem Roman vorangestellt ist. Es stammt von Sophokles und zitiert Antigones Opposition gegen ihren Vater Kreon, der den Leichnam ihres Bruders Polyneikes unbestattet „den Vögeln, sie lauern schon, zum üppigen Fraße lassen“ will. Und das hat jetzt sogar wieder einen Münsterbezug –