LiteraturvereinLiteraturverein LogoBuchseite

Martin Mosebach

Umstritten ist er noch immer, der Schriftsteller, der vor drei Jahren den Georg-Büchner-Preis erhielt mit der Begründung, dass er stilistische Pracht mit urwüchsiger Erzählfreude verbinde und dabei ein humoristisches Geschichtsbewusstsein beweise, das sich weit über die europäischen Kulturgrenzen hinaus erstrecke. Auch an dem neuen, so geistreichen wie sprachmächtigen Roman scheiden sich die Geister, obwohl noch die Verrisse nicht ganz auf Respektbekundungen verzichten können. Am Mittwoch, den 17. November wird um 20 Uhr im Lesesaal der Stadtbücherei Martin Mosebach aus seinem Roman „Was davor geschah “ lesen. Es ist ein Roman, der sich an dem Dialog eines Liebespaars entzündet. Wie das gewesen sei? Wie was gewesen sei? Als es sie noch nicht gegeben habe? Das sei gewesen, als er ein halbes Jahr in Frankfurt gelebt habe. Wie das gewesen sei, als er allein in Frankfurt gelebt habe? Antwort: „Ach, das war nichts Besonderes, das war so …“

Also eine zu Verdacht und Eifersucht bereite Rahmenerzählung – und ein Roman über nichts Besonderes. Es ist ein äußerst eloquentes und auch eloquent verschwiegenes Erzählen mit einer zentripedalen Tendenz zu einer Novelle und der zentrifugalen Tendenz zu einem Gesellschaftsroman.

Und es finden sich hier feinnervige Soziogramme wie in Eduard Graf von Keyserlings baltischen Adelsgeschichten, Interieurs wie in Heimito von Doderers „Strudlhofstiege – und Psychogramme wie in Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“. Und das alles wird vorgetragen in einer Sprache, so leicht wie die in Wolf von Niebelschütz’ „Der blaue Kammerherr“. Man kommt nicht umhin, Mosebachs Roman-Stimme im Konzert der großen Stilisten wahrzunehmen, und hat dennoch nie das Gefühl, „Was davor geschah“ habe etwas Epigonales. Martin Mosebach kann alles. Er kann Nachtigallen und Kastanienbäume, er kann Katzen und Schneenächte. Und er kann Familien: Wie sie entstehen und vergehen, wie sie blind sind und wie jeder jeden durchschaut. Und Martin Mosebach kennt die Welt: die vor seinem Fenster anfängt und über den Taunus bis in den Orient reicht. Ein Roman, so unabhängig und originär in der Fabel, so glanzvoll im Detail, so souverän in der fast verschlagen ausgeklügelten Komposition. In seiner ästhetischen Autonomie ein Modell für – auch gesellschaftliche – Selbstbestimmung. Vielleicht schreibt Mosebach konservativ, aber derart entspannt weiß er, dass er das tut, und auch, mit altmeisterlicher Ironie: dass er das kann. Der KulturSPIEGEL hat vor einigen Wochen „Was vorher geschah “ zu den 10 Büchern gezählt, „die Sie sich sparen können.“ Aber Hubert Spiegel in der FAZ hat ihn nicht nur zum Besten der neuen Saison gezählt, sondern der neuen deutschen Gegenwartsliteratur überhaupt.